Texte zum »Vetter« - Ausstellungsbeitrag zur Ausstellung »CONSTRUCTa« (galerie 5020, Juni 2004)

 



 

Vorerst aus dem Schatzkästchen:

                                »Wörter, durch und durch lebendige Wesen, sind Akteure der folgenden Szenen. Sobald Wörter von außen kommen, entsteht eine

                                 Wand. Auf dem Plan bleiben nur Wörter, die imstande sind, die Gäste zu empfangen. Alle anderen ziehen sich zurück und werden

                                 sicherheitshalber hinter die Trennwand verbannt.

                                 Aber diese Wand ist transparent, die Ausgesperrten können hindurch schauen und beobachten. Hin und wieder packt sie die Lust,

                                 bei dem, was sie sehen, einzugreifen, sie halten es nicht aus, sie rufen ... Aufmachen.«

                                       Nathalie Sarraute, »Aufmachen«, 1997



                               » (...) Es war gerade Markttag, als ich, mich durch das Volksgewühl durchdrängend, die Straße hinab kam, wo man schon aus weiter

                                 Ferne meines Vetters Eckfenster erblickt. Nicht wenig erstaunte ich, als mir aus diesem Fenster das wohlbekannte rote Mützchen

                                 entgegenleuchtete, welches mein Vetter in guten Tagen zu tragen pflegte, (...) Ich setzte mich, dem Vetter gegenüber, auf ein kleines

                                 Taburett, das gerade noch im Fensterraum Platz hatte. Der Markt schien eine einzige, dicht gedrängte Volksmasse, (...) die

                                 verschiedensten Farben glänzten im Sonnenschein. (...)

                                 DER VETTER. Jener Markt bietet dir nichts dar als den Anblick eines schrecklichten, sinnverwirrenden Gewühls des in

                                 bedeutungsloser Tätigkeit bewegten Volkes. Hoho, mein Freund, mir entwickelt sich daraus die mannigfachste Szenerie (...) und

                                 mein Geist, ein wackerer Callot oder moderner Chodowiecki, entwirft eine Szene nach der anderen, deren Umrisse oft keck genug

                                 sind. Auf, Vetter, ich will sehen, ob ich dir nicht wenigstens die Primizen der Kunst zu schauen beibringen kann. Sieh herab in die

                                 Straße; hier hast du mein Glas (...). Gut, Vetter, das fixieren des Blicks erzeugt das deutliche Schauen. Doch statt dich auf langweilige

                                 Weise in einer Kunst zu unterrichten zu wollen, die kaum zu erlernen, lass mich lieber dich auf mancherlei Ergötzliches aufmerksam

                                 machen, welches sich vor unseren Augen auftut. Bemerkst du nicht jenes (...)«

                           E.T.A. Hoffmann, »Des Vetters Eckfenster«, 1822









Erster grober Entwurf:


Ein Platz am Fenster.
Vor den Fenstern des sogenannten „Kabinetts" liegt der Universitätsplatz, der Grünmarkt, bestückt mit den Fassaden der umliegenden Häuser, den Läden, den Marktständen.
Die Stände werden aufgebaut, die Markisen ausgefahren, der Markttag beginnt. Geschäftiges macht sich breit. Marktstandler putzen ihre Stände auf, Passanten, Einkaufende eilen, suchen, betrachten, flanieren - ab und zu ein Fahrzeug, das sich seinen Weg sucht. Genug zu beobachten; Interessantes, das festzuhalten einlädt.

Bereits vor dem entstehen der Malerei an der Wand der universitätsplatzseitigen Fenster - wie auch während des Malens - werden Annäherungen mittels Fotografien, Skizzen und Entwürfen erarbeitet.
Thematisiert wird der Versuch einer Bildfindung.
Aus der Vielheit der Details, ihrer ständigen Veränderung durch Blickwinkel, dem Auftauchen von Akteuren und scheinbaren Kleinigkeiten (und deren Verschwinden aus dem Blickfeld), durch verschiedene Lichtsituationen, etc. entstehen Annäherungsversuche, Verwerfungen, wiederholte Aufnahmen und Überschneidungen zu eine Art Überlagerung verschiedener „filmstills" aus der Zeitdauer der Entstehung der Malerei.
Das angepeilte Bild an der Wand wird im herkömmlichen Sinne nicht abgeschlossen sein. Die Arbeitsschritte übereinandergelagert, streckenweise durchschimmernd, erahnbar, geben dem Betrachter die Möglichkeit, den Versuchen einer Formbildung beiwohnen zu können, ohne, dass ihm ein vollendetes Resultat aufgezwungen wird. Das Bild muss offen bleiben, wie auch das von außen Wahrnehmbare einem Wechsel unterzogen ist.
Durch das Beifügen von Oben erwähnten Skizzen, Entwürfen und Fotografien
(gerahmt bzw. unter Glas? ) für die Präsentation während der Dauer der Ausstellung, wird der denkbare Prozess lediglich aufgehalten - das Bild stellt keine Behauptung dar. Das Produkt bleibt offen.

Stand 30.05.04

















 





 

 

 

 



Splitter zum vorangegangenem Text:



                                     »Ich hatte mich möglicherweise in eine Art umgekehrter Spirale verwickelt. Ich meine, deren Schneckenlinien, anstatt weitläufiger

                                     zu werden, immer enger werden mussten, bis sie sich nicht mehr fortsetzen könnten, auf Grund der Art Raum, in dem ich mich zu

                                     bewegen gehalten war. In dem Moment wäre ich Angesichts der praktischen Unmöglichkeit weiter zu gehen, wahrscheinlich

                                     genötigt gewesen, anzuhalten, zu Not auf die Gefahr hin, sogleich in entgegengesetzter Richtung aufzubrechen...«

                                                                               Samuel Becket, »Der Namenlose«

 

Vor Allem stellen sich mir zwei Ausgangspunkte vor:
- der Literarische, Erzählerische; der Grünmarkt mit seinem Gewühle und den Details, den kleinen Episoden, die den hier Lebenden so vertraut sind, die mannigfaltigen Motive, die Durchreisende festhalten, der Blick, der gut und recht ist für Reiseprospekte und Ansichtskarten.
- der gewachsene Platz; ein Raum, der in die mittelalterlichen Straßen gesetzt worden ist, der vom Portal der Kirche aus - axial gegliedert -

dem Salzachufer zu ausstrahlt und Raum greift. Er korrespondiert mit dem Raumeck in der Galerie, das als Arbeitsplatz auf mich wartet.















Der ursprüngliche Gedanke, der Wandmalerei Platz zu schaffen für Anektodisches, wird letztendlich verworfen; schließlich und endlich gesellt sich zu ihr und den kleinen Arbeiten auf Papier der Spiegel. Er reflektiert den Innenraum, die Eingriffe darin, und bildet die Brücke zum außen befindlichen Platz: es beginnt das Spiel mit dem Innen-Raum und dem Außen-Raum, mit und ohne Komparsen.

 

                                       »Nachmittags: die Buden werden abgezogen. Die Ströme der Passanten werden schütter. Man hört das Maschinengeräusch der

                                        Reinigungsfahrzeuge. Blickt man zu Fenster hinaus, sieht man sie als gefräßige Insekten, die Abfälle verschluckend. Klarer wird die

                                        Zeichnung, die die Ausrichtung des Platzes, durch die Verwendung unterschiedlicher Materialien am Boden betont. Der Platz wird frei.



                                        Abends. Es wird still hier. Die Lichter der Geschäfte spiegeln sich in Pfützen und an glatten Oberflächen. Die Erinnerung an die

                                        Geschäftigkeit des Vormittages und deren vielstimmige Geräuschkulisse hängt noch über dem Platz.
                                        Das Fenster ist geöffnet. Man hört den Brunnen. Das Knarren des Parketts. Das Geräusch der Kreiden an der Wand.
                                        Vereinzelt, als ob ich mir Gesprächspartner aussuchte, hefte ich einige kleine Papierarbeiten neben die zu bearbeitende Wandfläche.
                                        Es entstehen erste Zeichnungen auf dem, mit Tafellack bemalten Feld an der Wand des Galerieraumes. Mit schwachem Aufdruck des

                                        trockenen Schwammes werden deren selbstbewusste Protzereien in Zaum gehalten. Während der Arbeit beginnt die Wandarbeit,

                                        beinahe  selbständig, die wachsende Vielfalt der Auftauchenden mehr und mehr zu reduzieren.«


Die Form wird entschieden. Wieder entsteht die »Gedankenellipse« als Kompositionsprinzip, eine Ellipse, die sich vom Außenraum ( die Bauflucht in Richtung Neutor und Zierelement an den Fassaden ) in den Galerieraum fortsetzt, die gespiegelt und geteilt auftaucht.