Die Welt der Bilder, die mich seit jeher begleitet, umkreist stets das Thema

des Blickes des Flaneurs und Wandernden. Es sind dies: Wahrnehmungen

aus dem Augenwinkel heraus, »snap-shots«, die zu Bildern werden,

Notwendigkeiten, sorgsam gefiltert aus der Flut von Eindrücken, Fundstücke,

Destillate, die in Malerei, Fotografie – hier: in Zeichnung münden.

 

In den Wintermonaten 2017/18 entstand eine Reihe von mittelformatigen Bleistiftzeichnungen, die ihren Ursprung in einer Reihe von Fotoaufnahmen finden, die ich im Herbst 2016 an einem Grenzfluss zwischen Salzburg und Deutschland gemacht hatte, die mich gerade zu jenem aktuellen Zeitpunkt tief berührten. (Am Höhepunkt der sogenannten »Flüchtlingskrise« kam jenem Ort eine besondere Bedeutung zu.)

Nach schweren Unwettern im Gebirge im Oberlauf des Flusses war Treibgut am Ufer angeschwemmt worden: Schwemmholz, ganze Baumstämme und kleineres Bruchholz, das in das Buschwerk der Böschung und des felsigen Ufers gedrückt und geworfen worden war, karges Geäst, geschliffen, geschabt und verstümmelt, Triebe, die gerade noch im Saft gewesen waren, die verzerrt, verdreht, und zerrissen dazwischen umher lagen und so für eine unbestimmte Zeit lang liegen bleiben würden im Irgendwo.

Einige der dabei entstandenen Fotografien konnten als Fotoarbeiten verwertet werden, doch beschäftigte mich ein weiterer Aspekt, der mit Überlegungen zu Wahrnehmung und in meiner Erschütterung weiter arbeitete. Ist das Bild einer Fotografie ein Einfrieren eines Augen-Blickes, der kürzer als ein Wimpernschlag ist, auch kürzer als das Unterscheidungsvermögen, über welches das Auge verfügt, so bildet sich in Wahrheit in der Erinnerung der Gegenstand aus den verschiedenen aufflackernden Einzelheiten des Gesehenen heraus. So entstanden Zeichnungen, in denen  Erinnertes, Gesehenes und Geschautes durch Zusammenfügen und Überlagern der einzelnen Teile und Blicke zusammen geführt wurden.

 

Wurden zu Beginn des Zeichenprozesses für die mit sehr hartem Bleistift angerissene Anlage, die Komposition, die fotografischen Schnappschüsse als digitale Skizzen zur Hand genommen, wurde dieses Hilfsmittel bald beiseite gelegt und die so platzierte Zeichnung erst einmal fast zur Gänze ausradiert. Auf den Spuren, die diese Vorzeichnung hinterlassen hatte, Schatten, Eingrabungen, Schmierspuren, wurden nun Details, die aus der Erinnerung wichtig erschienen in einem neuen Prozess wieder »rekonstruiert«, wieder hergestellt. Man nähert sich schon in einem ersten Schritt dem an, was dem Berührt Sein beim Anblick dieser »Gegen-Stände« entspricht. Doch eben: erst eine erste Annäherung. Wieder wurden die Zeichenspuren zum Teil gelöscht, abermals wurde eine weitere Zeichenschicht »darüber gelegt«, diese wurde wieder gelöscht ... und so weiter, und so fort ...

 

Es sind dies trotz der Koinzidenz der Ereignisse keine Blätter zu einem aktuellen politischen Kommentar. Diese Zeichnungen stehen in Zusammenhang zu Malereien, die teils schon vor längerer Zeit entstanden sind und die zusammen mit diversen Fotoarbeiten einen Teil eines umfangreicheren Flusses bilden, der unter dem Arbeitstitel »Medusa« Stück um Stück breiter wird.

 

Die hier abgebildete Auswahl an Zeichnungen soll von diesen Zeichnungen einen ersten Eindruck geben; die Originale, die auf getöntem Karton mit Bleistiften im Spektrum der Härtegrade 7H bis 2H im Format 70 x 100 cm angefertigt werden, können hier natürlich nur in »Umrissen« wiedergegeben werden – eine Annäherung.

 

März 2018

Zeilen zu

»flotsam and jetsam (Zeichnungen zu Medusa)«