"male spacvery - fading" (Warsaw walks) 2016

(... Ich denke, dass das Gedicht die geeignetste Form ist, spontan erfasste Vorgänge und Bewegungen, eine nur in einem Augenblick sich deutlich zeigende Empfindlichkeit konkret als snap-shot festzuhalten. Jeder kennt das, wenn zwischen Tür und Angel, wie man so sagt, das, was man in dem Augenblick zufällig vor sich hat, zu einem präzisen, festen, zugleich aber auch sehr durchsichtigen Bild wird, hinter dem Nichts steht scheinbar isolierte Schnittpunkte...)

                                                                      R.D. Brinkmann, Notizen zu „Piloten“

 

Die Malereien Johannes Zieglers umkreisen stets das Thema des Blickes des Flaneurs und Wandernden. Es sind diese, wie Brinkmann sie oben beschreibt, „snap-shots“, die notwendigerweise zu Bildern werden. Notwendigkeiten, sorgsam gefiltert aus der Flut von Eindrücken. Destillate.

Wissend, dass nicht ein Bild allein einen Topos beschreiben kann, werden die „Ausgangspunkte“ für zu Malendes gesammelt und gruppiert. Nicht abbildhaft und darstellend soll Malerei erscheinen. Verdichtet und ge-dichtet wird der Atem des Bemerkens und Innehaltens spürbar. Die scheinbare Strenge der abstrahierten Form der Gegenstände oder etwa von beobachteten Details im Gelände wird gebrochen durch den subtilen Einsatz der Farben, den kreidig-matt erscheinenden Oberflächen der Bilder. Klänge entstehen.

                                                                                                                   (aus Informationsblatt Ausstellung Roman. Keller, Sbg., 2009)

 

 

Städtereisen, Notizen, Fotografien, kleinformatige Arbeiten auf Papier und dergleichen bilden einen zentralen Ausgangspunkt für meine Arbeit, um dann vor allem im Atelier zu spezifischen Gruppen zusammengestellt und weiterverarbeitet zu werden. Grundlage für die so entstehenden Annäherungen an einen Topos bilden vorerst einzelne Details, die beim Erkunden der Umgebung sichtbar werden: Details vor Ort , Farb- und Formgebung der Architektur und der städtebaulichen Struktur und scheinbar Nebensächliches, sozusagen „am Rande“, werden vorerst ohne vorgegebene konzeptuelle und formale Interpretation festgehalten. Es entsteht eine Art Puzzle der Wahrnehmungen. Erst im Zusammenlegen und Zusammen-Stellen der einzelnen Elemente wird die an Eckpunkten festgehaltene Ortschaft neu erzählbar, neu sichtbar. Das so entstehende Bild schließt sich.

Doch nicht das „Portrait“ eines Ortes soll das Ziel des Unterfangens sein, sondern der poetische verdichtete Ausdruck eines Ortes, auch eines Teiles davon.

 

Als reicher Fundus für meine Arbeit stellten sich mir in den vergangenen Jahren Aufzeichnungen und kleinere Arbeiten vor Ort Beobachtungen dar, die ich bei diversen Aufenthalten in Berlin machen konnte. Es ist das Spannungsverhältnis der unterschiedlichen Zeitebenen, die neben- und miteinander als sichtbare Spuren wahrnehmbar sind, die sich wie in einem archäologischen Feld darbieten, die Berührung der Dinge von ihren Rändern aus, die die Vielschichtigkeit von Damals und Jetzt miteinander in Verbindung bringen.

 

So ist oder war gerade einmal die Stadt Warschau, in der ich mich im Winter 2015 anlässlich eines Stipendiums aufhielt, eine Stadt, die im Jahr 1945 zu 85 Prozent zerstört worden war, eine Stadt, die im kommunistischen Polen unter den Besonderheiten der damaligen politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse geprägt worden ist und sich seit 1989, in der nunmehrigen Dritten Republik, einem auch äußerlich „modernen“ und internationalem Wandel unterzieht für mich als Sammler und Spurensucher und natürlich von sehr großem Interesse.

 

Doch eigenartig hier: stets wird man begleitet von dem Gefühl, Zeuge, nicht nur einer neuen Schreibe von Zukünftigem, von neu definierter Identität zu sein, die ähnlich der in den 40er und 50er Jahren neu errichteten „Mittelalterlichen Altstadt“ einem durchwegs geplanten Idealbild nachstrebt, sondern insbesondere Zeuge des Verschwindens von bereits gewachsenen Strukturen.

 

„fading out – das Verschwinden von Gesehenem“: als ob dies ein Moto sein würde, klangen diese Worte immer mit, als ich in drei Wochen meines Aufenthaltes meine Stadtwanderungen mit dem Fotoapparat zum Programm machte.

„male spacery – kleine Spaziergänge“: Stadtwanderungen von meinen Unterkünften aus, vom Stadtteil Praga und dem Zentrum aus bis an die Peripherien der Stadt wurden zur Tagesaufgabe.